Flüchtlinge – ein Schwimmkurs für Einheimische #1

Birgit Hohlbrugger

Da stehe ich also. Irgendwo im Nirgendwo von Tirol. Wobei – stehen ist nicht ganz richtig. Genauer gesagt tanze ich mit einer Gruppe von Syrern in kleinen Schritten im Kreis. Innerlich muss ich schmunzeln, wie sinnbildlich dieses Bild für das, was in unserer Gesellschaft gerade passiert, steht. Wir drehen uns im Kreis.

Flüchtlinge, Geflohene, Schutzsuchende – wie man sie auch bezeichnen mag – allein der Klang dieser Wörter löst überall extrem emotionale Reaktionen aus. Das Thema polarisiert wie kein anderes. Flüchtlinge werden dabei meist entweder verherrlicht oder verteufelt. Beide Zuschreibungen sind aber gleichermaßen unfair. Denn gerade wenn es um Menschen geht, existiert weder links noch rechts, richtig oder falsch. Die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte. Manchmal zumindest. Häufig liegt sie aber auch dort begraben, wo wir sie am allerwenigsten vermuten würden. Und viel zu oft befindet sie sich weit außerhalb unserer Vorstellungskraft.

Wenn man, so wie ich als Sprachtrainerin und im Zuge von mehreren Bildungsprojekten, mehrere Jahre in dem Bereich professionell arbeitet, weiß man das. Man weiß auch, dass man seine Erwartungen nicht nur zurückschrauben soll, sondern am besten gar keine hat. Aber auch wir Profis haben – soweit ich das für andere mitbeurteilen kann – durch die momentane Situation sehr viele neue Erfahrungen gemacht.

In meinem Fall, weil meine Arbeit sich sehr viel auf die Arbeit mit Einheimischen verlagert hat, die ihrerseits mit Flüchtlingen zu tun bekommen haben. Fantastisch eigentlich, denn nur durch die Arbeit an beiden „Fronten“ (welch hartes Wort) kann es auch funktionieren. Ich habe mich aus meiner Innsbrucker Komfortzone herausbegeben (ich vermeide gerade zu sagen, dass ich eigentlich mitten im „Schützengraben“ stehe – schon wieder so ein Wort, schlechte Metapher) und auf meinen Wegen durch Tirol viel über „unsere Leit“ gelernt. Da ist vieles, womit ich nicht gerechnet hätte, und was mich wahnsinnig stolz macht. Da ist aber auch vieles, was ich nicht verstehen kann. Das wichtigste ist dabei, nach allem was man gesehen, gehört und mitbekommen hat – auf beiden Seiten – dennoch seinen Idealismus nicht zu verlieren. Und Idealismus – auch das habe ich in den letzten Monaten erst so richtig begriffen – hat mit Ideologie tatsächlich so rein gar nichts zu tun.

Deshalb habe ich mich entschlossen, diesen Schwimmkurs ins Leben zu rufen. Denn, wenn wir ganz ehrlich sind, Profis und Laien, Linke, Rechte, MittelfeldspielerInnen, PolitikerInnen, Vegane und Grill-Oberbabos, BesserwisserInnen und AchselzuckerInnen: Genau das ist es, was wir eigentlich tun. Wir schwimmen. Und zwar gewaltig. Und kollektiv.
In dieser Serie werde ich mich bemühen, einen möglichst realistischen Einblick, ohne zu idealisieren oder zu verteufeln, in die Arbeit mit Flüchtlingen zu liefern. Von Herausforderungen, die im Raum stehen, Grenzen, die überwunden werden müssen, von berührenden und lustigen Begebenheiten, die so real sind wie die Menschen, die da kommen, und die Menschen, die schon vorher da waren. Und ich werde auch ein paar fachliche Dinge erklären, die ich oft gefragt werde. Aber weil’s eben ein Schwimmkurs ist, wird es sicher nicht nur trocken, sondern schon auch mal unterhaltsam zugehen.

Also ich geh dann schon mal ins Wasser. Schwimmt ihr eine Runde mit?

Gibt es Fragen, Anregungen, Wünsche zur neuen Blogserie? Schreib es uns in die Kommentare!

BIRGIT HOHLBRUGGER

Fotocredit: Shabanali Wafadar/AHMADI

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