Fahrerlebnis hier und dort

DSC02087Nach längeren andauernden Auslandsaufenthalten – vorzugsweise in afrikanischen Gefilden – kann es bei einer Rückkehr ins good old Innsbruck natürlich schon zu den einen oder anderen Anpassungsschwierigkeiten kommen. Man nehme beispielsweise den Straßenverkehr. Ja, auch wenn man den österreichischen Straßenknigge bereits im Kinderwagen zitiert bekommen hat, musste dieses Wissen den im Ausland angeeigneten Überlebensstrategien weichen. Denn die goldene Regel für Langzeitreisende in afrikanischen Großstädten, wo die Rush-Hour prinzipiell 24 Stunden andauert, lautet: Man adaptiere die landesübliche Straßenetikette, welche sich im Normalfall wie folgt resümieren lässt: Vergesst alle Regeln, an die man im normalen Leben gebunden ist, oder aber ihr kommt nie ans Ziel.

Beispiele gefällig? Das Reißverschlussprinzip ist inexistent, es würde nur unnötig aufhalten… Anschnallen? Ha! Weit gefehlt! In keinem original afrikanischen Auto sind Sicherheitsgurte verankert und wenn doch, dann lösen sie sich nach dem Anlegen bereits bei der kleinsten Körperbewegung wie von Geisterhand aus dem Gurtschloss. Das Fahren bei Rot, Gelb oder Grün kann man sich nach dem Ene-Mene-Muh-Prinzip aussuchen. Doch wehe, wehe, wenn ich bei der roten Ampel stehe! Mit einem ordentlichen Anpfiff und Gehupe von hinten muss gerechnet werden! Links oder rechts überholen? Warum so viele Fragen stellen, wenn auch dies keine Rolle spielt. Ein Hoch auf die freie Wahl.

Bei derartigen Manövern bitte bloß nicht vergessen, das Unerwartete einzuplanen! Natürlich muss man ein gewisses Risiko auf sich nehmen und Reaktion beweisen, wenn man seine fahrbare Knutschkugel beispielsweise links oder rechts über eine mit zentimeter tiefen Schlaglöchern versehene Sandpiste befördert und diversen mobilen Hindernissen (Kamele, Eselkarren, Ziegen, Fußgänger) in Sekundenschnelle ausweichen muss.

Hat man dann doch mal einen Unfall (und bringt sehr viel Zeit zur Ursachenerläuterung mit), ist ein mehrmaliges Anrufen bei der Polizei natürlich möglich. Auf Resultate, die schnell erzielt und (!) zum eigenen Vorteil sind, darf man allerdings nur dann hoffen, wenn man a) einen Freund hat, der jemanden kennt, der einen Onkel hat dessen Sohn ein hohes Tier bei der Polizei ist, und b) ein der Situation angepasstes Sümmchen Geld in der Hosentasche eingesteckt hat. Sind diese Bedingungen erfüllt, bam!, hat jeder Verkehrsrowdy die Polizei auf seiner Seite. Egal wie aussichtslos einem die Situation zu Beginn erscheinen mag, es ist alles eine Frage der Zeit, der Geduld und des Verhandlungsgeschicks. Zum Panik- oder Schuldgefühl kommt es erst gar nicht, denn es ist immer alles pas de problème – überhaupt kein Problem!

Meanwhile in Tyrol

Im Herzstück der Alpen ist die Herausforderung eine andere. Dass die „Innschbrugga“ das Autofahren überhaupt noch als solches bezeichnen, wundert mich immer wieder. Seien wir mal ehrlich: Schleichen, nicht fahren ist die Devise in Innsbruck City. Wie soll’s anders möglich sein, wenn eine Baustelle die nächste jagt. Immerhin scheinen die Bauunternehmer in der Innsbrucker Streetart-Szene kräftig mit zu mischen: Wie bereits vor Jahren der Begriff „Weltstadt“, wird nun der Terminus „Streetart“ in Innsbruck neu definiert: Zeichen dafür sind u. a. farbenprächtige, auf den Asphalt gepinselte Linien und ein immer wachsender, kunstvoll aufgestellter und lieblich anmutender Schilderwald. Für ununterbrochenen Unterhaltungswert mit Aggressionspotenzial ist somit immerhin vor allem im Feierabendverkehr gesorgt; Ironie des Schicksals, wenn dabei Grönis Mambo aus dem Radio trällert („Ich drehe schon seit Stunden hier so meine Runden, es trommeln die Motoren es dröhnt in meinen Ohren.“).

Hunderte Autos, mit teilweise aggressionsgeladenen Besitzern, erschleichen sich so im frühabendlichen Innsbruck Millimeter für Millimeter den Weg zu ihrem Ziel. Und ich, klarerweise, mittendrin. Von unterhaltsamer afrikanischer Action im Straßenverkehr kann hier keine Rede sein. Doch wenigstens kommt die Bildung nicht zu kurz: Es bleibt Zeit genug, sich all die PVC-Planen mit den Namen der schaffenden Künstler (alias Bauunternehmer) auf Lebzeiten einzuprägen.

Während ich mit Austro-Pop (Dahoam isch dahaom!) kläglich versuche gegen die aufgezwungene Langeweile im Verkehrsdickicht anzukämpfen, ertappe ich mich bei dem Wunsch, das in Afrika praktizierte Fahrverhalten hier im geregelten Chaos anzuwenden. Denn: In unserer Welt geht nichts über die Totaloptimierung des persönlichen Zeitmanagements. Nein, ich bin nicht (!) gestresst!

Da hänge ich also meinen Gedanken nach und erlebe Kopfkino vom Feinsten: Ich überlege mir, wie es sich machen ließe, mein Fahrwerk (nein, kein Allrad!) mit voller Wucht auf den nahe gelegenen Gehsteig zu befördern, um von dort aus ein zeitsparendes Überholmanöver zu starten. Bevor ich mir den potenziellen Zeitgewinn errechnen kann, erblicken meine Äuglein in naher Ferne ein Polizeiauto. Diese Sicht holt mich brutalst aus meinen Tagträumen, zurück in die bittere Realität. Eine Realität, die ohne Korruptionsgelder auskommt. Jetzt heißt es schnell nachdenken. Mache ich auch alles österreichisch richtig? Was in vielen afrikanischen Ländern ohne Aufpreis toleriert wird, kostet hierzulande ein Vermögen. Mir wurde zum Beispiel des Öfteren nahegelegt, ich solle mir das Blinken beim Spurwechsel wieder angewöhnen. Ja, Himmel! Klar, keiner kann es nachvollziehen, aber darauf ist leicht zu vergessen, wenn diese Funktion beim afrikanischen Auto nicht verfügbar ist. Also Blinker checken. Ich möchte es ja nicht drauf ankommen lassen. Blinker ist an. Bin bestens vorbereitet für den Spurwechsel inklusive Reißverschlusssystem. Und schon stell ich mir die nächste Frage: Sind Lichtfahrer am Tag eigentlich immer noch sichtbarer? Ich weiß nicht mehr, was das Gesetz gerade vorschreibt. Lieber schnell das Licht einschalten. Besser so, als andersrum. Ruhig bleiben. Was noch? Der Gurt! Ohooo, der Sicherheitsgurt! Ich habe natürlich komplett auf seine Existenz vergessen, denn – wie oben erwähnt – in Afrika ist er nicht vorhanden oder funktionsunfähig. Da baumelt dieses Ding nutzlos zu meiner Linken und lässt sich in der Hektik – natürlich! – kaum richtig greifen. Nach langer Fummelei muss das Metall nur noch einschnappen. Ohne Hilfe und unter Stress ist das ein Act sondergleichen. Panik! Entfernung zum Polizeiauto: wenige Meter. Es schnappt und schnappt nicht ein. Dumme Schnalle! Noch mehr Panik! Letzte Lösung: Draufsetzen, lächeln und … hoffen! „Wird schon schiefgehen“, denke ich mir. Und: „Ich habe dank meiner Reisen mehr Polizeikontrollerfahrung als jeder Durchschnittseuropäer.“ Tja, Eigenlob stinkt. Im nächsten Atemzug wird mir bewusst, dass ich bei Weitem mehr Erfahrung beim Verhandeln von Korruptionsgeldern als beim Herzeigen von Fahrzeugpapieren habe. Zugegebenermaßen wurden Letztere in Europa bei mir noch nie kontrolliert. Doch wie schwer kann das schon sein?

Ehe ich mich es versehe, steht der Polizist knapp vor mir, fuchtelt gekonnt mit seiner Hand und da sind wir schon, mitten in der Verkehrskontrolle. Ehrlich jetzt! Da habe ich auf etlichen Afrikareisen unzählige bewaffnete Polizeikontrollen dank irrwitzigster Ausreden überstanden, und ich Depp sitze in Österreich mit dem Anschnallgurt unter meinem Körper einen guten Meter von meiner Handtasche entfernt im Auto und gelange nicht zu den Papieren. Schockstarre setzt ein nach einer solchen Erkenntnis. Einfach unauffällig bleiben. Mein Fuß am Gaspedal, verkürze ich den Abstand zum Mann in blauer Uniform sukzessive und rutsche noch mal kräftig am Sitz hin und her, lasse mein ganzes Gewicht im Sitz versinken, damit der Gurt auch richtig sitzt. Fuchtel, fuchtel, stehen bleiben! Fenster runter. Immer schön lächeln. Einen Schluck aus der Wasserflasche nehmen. „Haben Sie alle Papiere bei sich?“ Ich presse ein definitives und selbstbewusstes „Ja!“ aus mir heraus, in der Hoffnung, er würde mich davon beeindruckt unkontrolliert ziehen lassen. Aber da ist er schon, sein langer Finger, der auf etwas an mir zeigt. Panik breitet sich wieder in mir aus. Er hat den Gurt entdeckt. Es ist alles aus! Hätte ich mir aber auch vorher denken können. Was war das für eine blöde Idee!

Ich bin gerade dabei für eine Entschuldigung anzusetzen, wobei mir ehrlich gesagt in solchen Situationen, in denen die Schuld eindeutig bei mir liegt, auch immer zuerst die Luft fehlt. Mein Glück, dass mir die Worte wegbleiben. Denn der blaue Herr beginnt umständlich einen Satz zu formulieren. Ich verstehe zuerst nicht, was der Polizist von mir will, traue meinen Ohren nicht. „Es ist sehr unprofessionell, … ich weiß, … aber dürfte ich einen Schluck Wasser haben?“ Natürlich, nix lieber als das! Autoritär und doch nur Menschen – plötzlich fühle ich mich wieder nach Afrika zurückversetzt.

Perplex aber glücklich, dass meine unkonventionelle Anschnalltechnik nicht auffiel und ich auch mein Verhandlungsgeschick nicht zum Besten geben musste, entferne ich mich von der doch sehr afrikanischen Verkehrskontrolle, setze den Gurt dorthin, wo er hingehört und schleiche belustigt nach Hause. Hakuna Matata.

BARBARA BITSCHNAU

Mehr über Barbaras Arbeit in Afrika unter www.friends-4-friends.org

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