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Engel als Lebenszeichen?

Zuerst dachte ich, als ich kürzlich diesen Engel in der Maria-Theresien-Straße sah, dieser wurde von findigen Geschäftsleuten hingestellt, um uns diskret aber doch an das zwar noch in weiter Ferne liegende Weihnachtsfest zu erinnern. Vielleicht mit dem Hintergedanken versehen, dass jetzt die Leute noch besser drauf sind, weil die Covid-19-Zahlen zurzeit in Tirol doch nicht so hoch sind, und daher die Stimmung für die Kauflaune noch besser sein mag als in ein paar Monaten, wo die Zahlen – was wir natürlich nicht hoffen mögen – dann vielleicht schon wieder nach oben gegangen sind. Aber wir könnten so gesehen ja schon mal mit dem Aussuchen diverser Geschenke in der Sommerhitze beginnen.

Dann dachte ich, vielleicht ist es so etwas wie Dank und Anerkennung für alle in den systemrelevanten Berufen Tätigen während der schweren Zeiten der Pandemie. Aber nein: Weit gefehlt! Es ist Das Lebenszeichen von Menschen mit Behinderung.

Nun, wie wir ja schon aus der Kunstgeschichte wissen, stehen Engel für vieles, als Boten einer göttlichen Entität etwa, oder als Metapher für eine Welt zwischen den Dingen. Als hilfreiche Menschen, die Gutes für die Allgemeiheit leisten, oder aber auch für Kinder, die gestorben sind. Was um alles in der Welt aber haben sie mit Behinderten zu tun?

Ich bin selbst seit meiner Geburt von einer Hautkrankheit betroffen, gelte also im Sozialstaat als „behindert“, im Sinne etwa einer verminderten Erwerbsfähigkeit, bekomme diverse Vergünstigungen etwa beim Erwerb eines Fahrscheins in den öffentlichen Verkehrsmitteln, so weit, so gut. Aber was um alles in der Welt habe ich mit einem Engel zu tun? Was wird hier für ein Bild von uns Behinderten vermittelt? Sind wir etwas Besonderes, gar Wesen aus dem Jenseits? Sind wir etwa die per Notruf zu holenden „Engel vom ÖAMTC? Gute Geister, die stets zur Hand, wenn man nicht mehr weiterweiß?

Keines von all dem. Wir leben in einer Welt, in der Behinderte leider immer noch ausgegrenzt werden. Es schwer haben, einen geeigneten Job zu finden, eine Partnerin/einen Partner zu finden. Gesellschaftliche Anerkennung zu bekommen. Behinderte haben gute Eigenschaften, wie sie genau so schlechte Eigenschaften haben, sind Menschen wie du und ich. Es müsste sich eigentlich erübrigen, im 21. Jahrhundert auf so etwas noch hinzuweisen. Wie würden wir reagieren, wenn man plötzlich alle Migrantinnen und Migranten als Engel hinstellen würde, oder alle Frauen als Göttinnen, alle Männer als Genies? Es gibt auch eine positive Diskriminierung, die eigentlich nicht sein sollte. Weil sie es doch bleibt, was ihr Substantiv sagt: Diskriminierung.

Helmut Schiestl

2 Comments

  1. Sehr geehrter Herr Schiestl!

    Soeben habe ich Ihren Kommentar gelesen und erlaube mir als Initiatorin ganz kurz den Sinn dieses Engels zu beschreiben. Normalerweise sind beim Denkmal Flyer angebracht, wo man dann die Geschichte und die Idee nachlesen kann. Momentan jedoch wird die Halterung, an der die Flyer angebracht sind repariert. So kann ich Ihre Irritationen über diesen Engel mehr als nachvollziehen.

    Bitte lassen Sie mich nun die Geschichte über diesen Engel erzählen:

    DIESES LEBENSZEICHEN, ein wunderbares Geschenk von der Firma MK Illumination, soll die Menschen zum Nachdenken anregen.
    Damit Menschen mit Behinderungen auch in Zukunft das Licht der Welt erblicken dürfen, gibt es seit Mai 2019 DAS ERSTE DENKMAL FÜR DAS BEHINDERTE LEBEN. Der Engel 2,30 m mit dem gebrochenen Flügel wird erleuchtet von tausenden Lichtern und soll ein Zeichen dafür sein, dass behinderte Menschen genauso kostbar wie alle anderen Menschen sind.

    Denn ein Engel ist ein Engel mit oder ohne Flügel.
    Ein Mensch ist ein Mensch mit oder ohne Behinderung.
    Unabhängig davon wie alt jemand ist, woher jemand kommt und woran er auch glauben mag.

    Die Lichtskulptur von RollOn Austria soll Hoffnung und Zuversicht spenden sowie ein starkes Zeichen der Toleranz und Mitmenschlichkeit darstellen.

    Sehr geehrter Herr Schiestl! Ich hoffe sehr, dass ich mit dieser kurzen Aufklärung Ihre Zweifel a bissal widerlegen konnte. Ansonsten können wir uns gerne einmal, nach meinem Urlaub, um den 12. August, miteinander austauschen.

    Herzliche Grüße aus dem RollOn-Büro in Innsbruck.
    Marianne Hengl, Obfrau von RollOn Austria

  2. Würde sagen so ein Engel passt eben gut in dieses heilige Land in all seiner verlogenen katholischen und reaktionären Opfermythologie und Facetten der Hinterfotzigkeit. Die heute gemeinhin als behindert Bezeichneten werden von nichts anderem behindert als den praktischen Auswirkungen eines kapitalistischen, also verwertenden Systems. Eine derartige Verhöhnung in Form öffentlich ausgestellten pseudokatholischen Kitsches ist nichts weniger als ein Ausdruck der landläufigen Praxis: Wer und wie viel Krüppel ist, bestimmen wir – und Behinderte haben jedenfalls dankbar zum Herrgott zu beten!

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