Die Zwölf Geschworenen im BogenTheater

12 geschworene

Klassiker sind die, die jede/r schon mal gesehen hat, glaubt gesehen zu haben oder wovon jede/r die Geschichte kennt. Klassiker sind vor allem die, worüber schon viel geschrieben wurde und was auch außerhalb von Film und Theater als ganz wichtig gilt. Viele werden Reginald Roses Stück „Die Zwölf Geschworenen“ (schon an sich eine Bearbeitung eines Fernsehspiels) mit der Verfilmung von Sidney Lumet mit Henry Fonda verbinden. Und manche werden den Text als Lehrbeispiel über Kleingruppenforschung und Gruppendynamik angeführt finden.

Die Geschichte ist anscheinend einfach: 12 Geschworene versammeln sich an einem brütend heißen Tag, um über Schuld oder Unschuld eines jungen Mannes, der seinen Vater erstochen haben soll, zu entscheiden. Kommen sie nicht zu einem einstimmigen Urteil, so werden andere Geschworene bestellt. Eigentlich scheint die Sache auch ganz einfach zu sein und alle Geschworenen halten den Jungen für den Täter. Alle – bis auf einen. Und dieser eine versucht nun alles, um die anderen umzustimmen und von seinen Zweifeln zu überzeugen.

Das BogenTheater Innsbruck hat den Klassiker aus den 50er Jahren, der seitdem schon viele Bearbeitungen erlebt hat, behutsam und möglichst stimmig ins Hier und Heute versetzt. Dass es letztlich um die Frage Todesstrafe oder nicht geht, wird für österreichische Verhältnisse auch als möglich gesehen wegen – Achtung Ironie! – den Aussagen eine gewissen austro-kanadischen Millionärs im letztjährigen Nationalratswahlkampf. Dass auch ein Herr Putin als Aktualität herhalten muss, mag man im Vergleich zur Vorlage (die immerhin in der Stalinära entstand) für eher einseitig halten, passt freilich auch in das „kulturliberale“ Pathos der Entstehungszeit des Stückes.

Was als Kampf um juristische Wahrheit anhebt, geht bei den Rollen an die Substanz. Recht und Gerechtigkeit kommen mit Rechthaben und Rechtbehalten in den Clinch. Abgründe von Rassismus, Vorurteilen und persönlichen Verletzungen tun sich auf. Neugierde und „gesunder“ Zweifel trifft auf Opportunismus, Packelei und kalte Kalkulation. Auch die, die sich auf die „richtige“ Seite schlagen, tun das nicht immer aus redlichen Motiven. Soziale Unterschiede werden mal mit ansteigender Gewalttätigkeit, mal mit Raffinesse ausgetragen.

Das („Laien“-) Ensemble unter der Regie von David Pfister und Monika Liengitz hat sich die Konflikte und Zuspitzungen spannend erarbeitet. Allen Figuren wird genügend Raum für Höhepunkte und Entwicklungen gegeben. Das Publikum dankt es mit viel und begeistertem Applaus und einer Nachfrage, die nun mehrere Zusatzvorstellungen nötig gemacht hat. Noch sechsmal sind die „Zwölf Geschworenen“ im BogenTheater zu erleben. Leider bzw. bezeichnenderweise sind alle Vorstellungen bis auf die letzte am 07.05. ausverkauft. Aber Klassiker sind eben auch, die nicht alle gesehen haben…

 

Die Zwölf Geschworenen Justizdrama von Reginald Rose

BogenTheater Innsbruck, Viaduktbogen 32

Besetzung: Magdalena Nistl, Julica Möck, Darmin Popovic,  Danica Beil, Barbara Walder,  Stephanie Senn,  Sophie Kahlau, Alexander Strobl,  Bruno Graber , Alex Kuen,  Kathi Schwaiger, Yasmani Stambader

Regie: David Pfister und Monika Liengitz

Vorstellungen noch 01./03./05./15./16.04 und 07.05.

Beginn: 20:00 Uhr

 

Preise: Erwachsene: 9,50 € Ermäßigt: 7,00 €

Matthias B. Lauer (mit Christiane M. Bauer)

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