Die Traurigkeit am Ostermorgen

 

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Die Traurigkeit am Ostermorgen. Seit ich bewusst denken und schreiben kann, hatte ich sie schon am sogenannten Ostermorgen.Mir gefiel schon als Kind die Karwoche mit der sich ab dem Palmsonntag ansteigenden Trauer. Kündeten zwar am Palmsonntag die Palmstangen mit ihren bunten Bändern noch von der Fröhlichkeit eben dieses Tages, über den Einzug Jesu in Jerusalem. So nahm die Trauer dann in der beginnenden Karwoche – wo in den frühen sechziger Jahren im Rundfunk fast durchwegs nur mehr ernste Musik gespielt worden war – beinahe exponentiell zu. Auch die Filme im Fernsehen hatten in dieser Woche zum überwiegenden Teil ernste Themen zum Inhalt, und waren wohl meistens schon allein deshalb sehenswert. Am Karfreitag kam dann die Passion im Fernsehen, zum Weinen schön und rührend. Ich genoss es, um ehrlich zu sein. Genoss die Trauer und den Schmerz. Warum? Weil ich selbst durch meine Krankheit ständig an sie erinnert wurde. Eitrige Blasen und davon schmerzende Füße machten mir den gegeißelten und schließlich am Kreuz sterbenden Jesus von Anfang an sympathisch. Das mir dabei die ihn zu Tod gemartert habenden Juden so im höchsten Maß unheimlich waren, erklärt sich so wohl von selbst. Vom Holocaust hatte ich natürlich keine Ahnung, woher auch. Die Juden hatten schließlich Jesus gekreuzigt, das stand so im Religionsbuch und wurde auch in allen Passionsdarstellungen weidlich ausgeschlachtet.

Dann kam die Auferstehung. Ein für meine kindliche Seele nicht nachvollziehbarer Prozess. Aber wir feierten ja Ostern, das hieß für mich erst mal Ostereier färben, einige wurden mit bunten Bildchen beklebt, welche – so ich mich recht erinnere – Kücken und Osterhasen darstellten – dann kam am Ostersonntag das Suchen des Osternestes. Es gab Süßigkeiten sonder Zahl, es gab Spielzeug, an einen blauen Jeep aus Plastik kann ich mich noch heute genau so erinnern, als hätte ich ihn erst vor kurzem bekommen, vielleicht auch nur, weil er sich mit seinem, Blau so gut vom Grün des Ostergrases abhob. Es gab die Osterglocken und das festliche Alleluja in der Kirche. Aber was diese Geschichte mit ihrem Beginn noch zu tun hatte, ich verstand es nicht, und verstehe es noch immer nicht. Ich fühlte mich regelrecht um ihr Ende betrogen. So gesehen war Ostern etwas sehr seltsames. Und ist es für mich bis heute geblieben.

Symbolisch kann ich es gelten lassen. Die Auferstehung der Natur aus ihrem Winterschlaf, zurzeit blüht ja alles schon und die Gräser duften. Aber dass da ein Mensch den Tod besiegt hatte, eine tonnenschwere Grabplatte weggeschoben und aus der Höhle gestiegen war, in die man den zu Tode gemarterten Leib noch vor zwei Tagen hineingelegt hatte, das überstieg und übersteigt noch immer meinen Horizont. Und ich denke, kein Hollywoodregisseur und keine Hollywoodregisseurin hätten wohl so einen Stoff angenommen, und kein Drehbuchautor und keine Drehbuchautorin hätten damit wohl Erfolg gehabt. Ein Held, der unzerstörbar war, das gab es doch nur im Comic.

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Was bleibt ist die Erinnerung: und so gesehen ist die Auferstehung, an die laut Standard vom Wochenende noch 31% der Österreicher/innen glauben, ein Stück Erinnerungskultur, an einen Mann, dessen Botschaft zugegeben, für die Humanisierung der Menschheit Bedeutendes geleistet hat, in dessen Namen allerdings auch, auch das darf nicht verschwiegen werden! – unzählige Morde und Verbrechen begangen wurden. Denken wir an die sogenannte „heilige Inquisition“, die Hexenverfolgung, die in früherer Zeit mit Gewalt betriebene Mission der sogenannten Heiden. Nicht zuletzt die Zerstörung kindlicher Seelen durch eine repressive Sexualmoral und – wie wir inzwischen wissen – noch viel schlimmer: der tatsächlich erfolgte sexuelle Missbrauch von Kindern und Jugendlichen in kirchlichen Institutionen. So gesehen können wir über diese ganze Geschichte nicht mehr so reden als wäre es eben nur ein Frühlingsopfer gewesen. Auferstehungsgeschichten gibt es ja auch in der griechischen Mythologie, auch das sollte nicht vergessen werden.

Nur erzählt die heute keiner mehr und sind diese nur mehr Gegenstand philologischer Forschungen. Mit der Kirche aber haben wir diesen Mythos immer noch unter uns und sind von ihm geprägt, auch unsere Kultur, bis in die Gegenwart hinein wirkt diese Geschichte. Wie damit umgehen? Wie sie neu interpretieren?

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Versuchen wir es anders: Versuchen wir es an so einem schönen Frühlingstag, wie es heute wieder einer war, mit all den Düften der wiedererstandenen Natur, dem duftenden Gras und den zirpenden Grillen an unsere Kindheit zurückzuerinnern. An unsere erste Verliebtheit, den ersten Kuss, so wie der Geschmack der Madeleine aus Marcel Prousts À la recherche du temps perdu. Auferstehen heißt vielleicht, sich an alles das erinnern, was uns wichtig war, uns Bedeutung gegeben hat, und uns Freude bereitet hat. Nicht zuletzt, was uns „weitergebracht“ hat. Auferstehung findet in uns statt. Heute, morgen, übermorgen, so lange unser Herz schlägt.

 

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Fotos: Grab am Innsbrucker Westfriedhof. Fatsche 1. Kunstintervention in der Wiener Jesuitenkirche von Gabriele Rothermann. Stift Wilten: „Aufbrechen. Kunstraum Kirche im Dialog“. Reliefs von Rudolf Kurz

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