Der Innsbrucker Kunstraum als Kaufladen

Zurzeit stellt im Innsbrucker Kunstraum die amerikanische Künstlerin Christine Hill aus. Dabei fällt ihre Ausstellung doch etwas ungewöhnlich aus. Nicht Gemälde oder Zeichnungen sind es, die an der Wand hängen oder Skulpturen, die im Raum stehen, sondern ein Kaufladen ist es, so wie ihn – zumindest die Älteren von uns – noch aus dem Lebensalltag in Erinnerung haben. Eine Art Tante-Emma-Laden,  wie er in manchen Hipster-Vierteln diverser Großstädte noch überlebt oder wiederbelebt wurde und ein Nischendasein fristet, in unseren Dörfern und Kleinstädten aber schon längst den globalen und austauschbaren Supermärkten Platz gemacht hat. Dabei hat die Künstlerin, die abwechselnd in den USA und in Berlin lebt, die Idee der Volksboutique  wiederbelebt, eine Art Secondhandladen, der allerlei Gebrauchtes anbietet, so wie wir das ja auch hierzulande kennen, und in dem es neben dem Vorteil des billig zu Erwerbenden auch um den sozialen Kontext geht: Menschen bieten etwas an, man kommt ins Gespräch darüber, tauscht Informationen über dieses und jenes aus, über Erfahrungen der schnelllebigen Konsumwelt, und wie wir dieser etwas entgegensetzen können. Dabei zählt für Hills Arbeit auch der zu Beginn der neunziger Jahre erfolgende Untergang der DDR und der bald darauf einsetzende nostalgische Hype auf Produkte aus diesem Land, das im Gegensatz etwa zu den anderen früheren Ostblockländern keine Chance auf einen Neubeginn mehr hatte,  zum Hintergrund ihres künstlerischen Tuns.

Auch auf der documenta X 1997 war Christine Hill mit ihrem Konzept der Volksboutique vertreten, dabei bot sie in der Unterführung eines alten Bahnhofs einen Laden, in dem sie in der einen Abteilung Dinge produzierte, die dann in der anderen ausgestellt und wohl auch verkauft wurden. Dabei ging es eben um die Interaktion der Zuschauer/innen mit der der Produzierenden, etwas was in den Konsumtempeln unserer heutigen Warenwelt nicht mehr möglich ist. Ein sicher interessantes Konzept, das aber in einer betreibsamen und von vielen Aktionen durchzogenen und von vielen Besucher/innen belebten Megakunstausstellung wie eben der documenta anders rüberkommt als in einer stillen Galerie, wo das Ganze etwas unbelebt wirkt. Vielleicht hätte es dazu eines Rahmenprogramms bedurft, etwa Diskussionen über die Situation des Kleinhandels im Verhältnis zu den immer mehr aus dem Boden schießenden Großkaufhäusern und Outlet-Centern in einer Großstadt wie Innsbruck oder mit welchen Schwierigkeiten Künstler/innen zu kämpfen haben, wenn sie auf dem Kunstmarkt erfolgreich sein wollen.  Oder auch über die Situation der Dienstleister/innen auch in der Alternativ- und Kreativszene, die es ja auch in Innsbruck gibt.

Trotzdem, sehenswert ist die Ausstellung allemal, nicht zuletzt weil sie einen auch wieder die Augen für die eigene Kindheit öffnet, in der viele von uns ja vielleicht einen kleinen Kaufladen hatten, oder gerne mit alten Dingen spielten, die sich im Fundus der Eltern und Großeltern fanden und unsere Spielfreude und Fabulierlust animierten.

Und wer sich jetzt fragt, was das alles mit Kunst zu tun hat, dem sei gesagt, dass genau heute vor hundert Jahren der französische Surrealist Marcel Duchamp sein später berühmtes und wohl in die Kunstgeschichte eingegangenes Urinal zum Kunstwerk erklärt hat.

Noch bis 15. April 2017!

Fotos: Verena Nagl

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