Der gefrorene Dom – Eine Ostergeschichte

Ich ging in den Dom bzw. ich wollte in den Dom gehen, aber der Dom war nicht mehr zugänglich. Er war zu einem Nichtort geworden. Eine stadtbekannte Künstlerin hatte ihn zum Nichtort gemacht, indem sie ihn zu einem überdimensionalen Gefrierschrank umgestaltet hatte. Von den barocken Marmorsäulen und den Altären troff das Eis. Alle Heiligenbilder waren von einer dicken Eisschicht überzogen. Auch die Fenster waren völlig zugefroren. Und man konnte sich nicht länger als höchstens fünf Minuten in seinem Inneren aufhalten, dann begann einen die Kälte an der Nase und an den Wangen zu brennen und bald darauf schmerzhaft zu werden, so dass man den Dom wieder gerne verließ. Das war ja die Intention der Künstlerin, den Dom eben während der sechswöchigen Fastenzeit zu einem Unort zu machen. Man konnte den Dom nur mehr unter Lebensgefahr betreten, wie an den Plakaten an den Türen in Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch und Russisch verkündet wurde. Wir machen Sie darauf aufmerksam, dass ein Aufenthalt im Dom ihrer Gesundheit schaden kann und bei einem länger als höchstens fünf Minuten dauernden Aufenthalt irreparable Schäden an Ihrem Körper verursachen kann!

Selbstredend wurde während der ganzen Zeit der künstlerischen Intervention im Dom keine Messen mehr gelesen, diese wurden so wie alle übrigen liturgischen Handlungen während dieses Zeitraums in andere Kirchen ausgelagert, schließlich befanden sich ja noch genügend  in der Stadt. Und so mochte sich die Domgemeinde wohl auch mit diesem sicher einzigartigen Vorhaben – der künstlerischen Verwandlung eines Kirchenraumes in Riesenkühlschrank – einverstanden erklärt haben. Wurden in anderen Kirchen für diesen Zeitraum lediglich Bilder verhüllt, oder andere an die Wände gehängt oder sonst kleine Veränderungen dort angebracht, so wurde hier eben mal etwas ganz Großes, und Ungewöhnliches gemacht.

Die Kirche, in ihrer Bedeutung doch auch Zufluchtsort für alle Rat- und Sinnsuchenden, für alle Betrübten und Beladenen,  war eben gerade das nicht mehr. Und auch nicht mehr für ihr bildungsbürgerliches Wissen aufmotzen wollenden Touristen. Denn auch diese konnten den Dom jetzt natürlich nicht mehr besichtigen, auch wenn sie das noch so gewollt hätten, oft mit der leidvollen Erkenntnis verbunden, dass sie nie mehr in ihrem Leben an diesen „geheiligten“ oder „entheiligten“ Ort kamen. Aber damit mussten sie leben. Und das bedeutete ja auch für die Domgemeinde ein Entfall von monetären Einnahmen. Denn durch die Abwesendheit der Touristen gab es ja auch keine finanziellen Abgeltungen mehr, die diese aus diversen Domführungen und Schriften, die darin verkauft wurden, lukrieren konnte. Aber das war der Domgemeinde die künstlerische Intervention wert. Ja sie musste sogar tief in ihre Taschen greifen und die gewiss nicht geringen Energiekosten, die zum Erzeugen der dicken Eisschichten an den Wänden und Pfeilern und Gewölben des Domes nötig waren, damit zu finanzieren. Zu diesem Zweck mussten ja ganze sechs Wochen lang riesige Kühlaggregate im Inneren des Domes aufgestellt werden, die diese Mengen Eis erzeugen konnten. Dass dabei dann viele von „Energieverschwendung“ redeten, erklärt sich von selbst.

Aber was konnte mit dieser eben nicht alltäglichen “Fastenaktion nicht alles verbunden und ausgedrückt werden! Der Tod Gottes etwa, der ja vor allem am Karfreitag wirklich schon jahrhundertelang symbolisiert und rituell verhandelt wurde. Die Abwesendheit Gottes, von zeitgemäßen Schriftstellern, Dichtern und Philosophen vor allem seit Auschwitz Gegenstand unzähliger Publikationen und Diskussionen. Der Kältetod, der nach naturwissenschaftlicher Erkenntnis eines fernen Tages die Erde heimsuchen und alles Leben auf ihr unwiderruflich auslöschen wird. Die Kälte der Menschen, die Herzenskälte, die immer wieder von Psychologen und Psychotherapeuten und Gesellschaftsanalytikern konstatiert wurde. Schließlich die Kälte allgemein als ein Symbol des Nichtlebens oder des nur erschwerten Lebens. Und nicht zuletzt war ja gerade eines der Ursymbole der göttlichen Entität das Feuer, verglichen etwa der „brennende Dornbusch“ des alten Testaments. Und hier konnte wohl vorerst kein Feuer mehr brennen. Wahrscheinlich brannte auch das Osterfeuer nicht mehr, konnte ich mir vorstellen. Auch die Kerzen waren schließlich alle von einer Eisschicht überzogen. Wahrscheinlich war auch der Tabernakel gefroren, so wie das Gefrierfach in meinem häuslichen Kühlschrank. Und das darin aufbewahrte „Allerheiligste“ ebenso.  Kurz und gut: Es war ein wirklich bizarrer und zugleich erhebender Eindruck, den da der Dom bei seinen Besucherinnen und Besuchern hinterlassen hatte. Selbst das vor dem Hochaltar hängende „Ewige Licht“ war von einer dicken Eiskruste überzogen, vielleicht brannte es dahinter noch, und man konnte es nur nicht sehen. Die eisüberzogenen Wände gaben mit dem nur durch die ebenfalls vereisten Fenster sehr geschwächten Lichteinfall eine magische Stimmung. Es roch nach Eis, und nicht mehr nach Weihrauch und Kerzenduft.

Ich verließ den Dom wieder, fröstelnd, wie nach einem Grippeanfall. Für was mochte der „gefrorene Dom“ alles stehen? Für die Kälte in uns, für die Kälte um uns, die das tägliche Miteinander und Füreinander so erschwert. Ja für die Grausamkeit der Religion selbst? Wurden nicht immer noch Menschen im Namen der Religion – wenn auch nicht der christlichen – getötet? Und die Künstlerin hatte an alles das gedacht, als sie diese künstlerische Intervention geplant hatte. Und die Kirche in ein eisiges Schweigen gehüllt. Und am Ende war es auch eine Aussage über die Liebe. Da der christliche Christus-Gott ja auch ein Symbol für diese ist, zumindest im Sinne seiner Apologeten. Und dieser Gott schwieg. Und dieser Gott gefror, sein mildes Lächeln, das er oft sogar noch in der Kreuzesdarstellung zeigte, gefror unter einer Eisschicht, ein Eispanzer überzog seinen hölzernen Körper, ließ diesen am Ende dann vielleicht sogar – so die ganze Aktion zu ende war, die Kühlmaschinen abgeschlatet  und die Kirche wieder auftaute – unter eben dieser Last zerbrechen. Zerbarst der hölzerne gekreuzigte Christus einfach unter dann wieder plötzlich über ihn hereinbrechenden Frühlingswärme, die Farbe begann unter der künstlich erzeugten Kälte von den Gemälden und Fresken  zu blättern. Der Marmor bekam Risse.

Alles mochte so wieder in Fahrt kommen, dachte ich, den Dom wieder verlassend. Aber ob es gelang, dabei alles wieder ins „rechte Lot“ zu bringen, wagte ich zu bezweifeln. Ob etwa die Orgel noch klang, so wie sie klingen sollte. Wenn sie nach sechs Wochen von ihrem Eispanzer befreit worden war. Ja, ob sich alles wieder in seine ursprüngliche Schönheit zurückverwandeln konnte. Ob etwa die unzähligen im Dom herumstehenden Heiligenfiguren und Engel wieder auftauten und in ihre wie zeitlos scheinende Ewigkeit zurückkehrten? Keiner konnte das wahrscheinlich mit letzter Gewissheit sagen, ob am Ende nicht alles in der ewigen Finsternis gefangen blieb.

Vielleicht zündeten sie nur ein paar Kerzen an im Dom, beteten ein wenig, sangen ein Lied, beließen es dabei, ehe sie den immer noch kalten Dom wieder verließen und  in die wärmende Frühlingsluft hinaustraten. Beschenkten sich hernach mit Marzipanosterhasen und aus Brot gebackenen Lämmern. Zogen hinaus in die belebte Welt. Liebten sich, vergnügten sich. Während im Dom eine Dornenkrone zu Boden stürzte, zerbrach durch die Wucht des Aufpralls. Beim Sturz in das Elend der Welt hinein. Gab einer auf. Kam ein neuer und machte da weiter, wo der andere aufgehört hatte, während ein anderer starb.  Schrieb eine Worte, wurde schwanger, gebar ein Kind. Das Kind sah so aus … wie sein Vater und seine Mutter. Das Kind sah aus wie wir.

Dominterventionen von Heidi Holleis und Minue Ghedina 2015 und 2017

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