Das Beste ist immer neu: Der Kyrene Verlag legt ein „Weißes Programm“ vor

Unbenannt.
Eigentlich ist es ein kleiner Skandal: Im Jahr 2015 wird der Kyrene Verlag keine Neuerscheinungen bringen. Im Rahmen eines „Weißen Programms“ brillieren stattdessen die schönsten bzw. beliebtesten Bücher aus 12 Jahren bewegter und umtriebiger Verlagstätigkeit.

Die künstlerische Atempause war Anlass für ein Gespräch mit Verleger Martin Kolozs, in dem er auf die letzten Jahre zurück-blickt, eine Standortbestimmung vornimmt und sich Gedanken über die Zukunft der Buchbranche macht.

Nach 12 Jahren Verlagsarbeit scheint eine Atempause ganz angebracht. Was hat Sie dazu bewogen, ein weißes Programm „stehenzulassen“. Ist der Zeitpunkt dafür günstig gewählt?

MK: Ob günstig oder nicht, habe ich diesbezüglich nicht bedacht. Mir erschien die Zeit allenfalls richtig, um ein deutliches Zeichen gegenüber dem jährlichen Novitätendruck zu setzen, und um mir selbst die Muse zu erlauben, den Markt mit etwas Abstand zu überblicken.

„Die Leute sind inzwischen daran gewöhnt, Grenzüberschreitungen als Unterhaltung zu empfinden.“ (Thomas Gottschalk, Fernsehmoderator) Von „Fifty Shades“ bis „Feuchtgebiete“: Wenn man in heimischen Buchhandlungen über die Tische schweift, hat man bisweilen das Gefühl es gäbe keine andere als „Skandal-Literatur“ mehr. Auch im Kyrene Verlag haben mit Aktivist Chris Moser, Franzobel und der „Schlampen“-Reihe von Barbara Balldini gewollte Provokationen einen fixen Platz im Programm. Würden Sie sagen, dass man Literatur ohne Skandal heute überhaupt noch machen kann?

MK: So denke ich nicht, wenn ich das Verlagsprogramm konzipiere. Und ein Buch nur wegen des Skandals zu verlegen, käme mir auch nicht in den Sinn. Aber nach meiner Meinung und Erfahrung muss es ebenso viel unterschiedliche Literatur wie Leser geben; der eine Teil schätzt die so genannte gehobene Literatur, der andere vertreibt sich die Zeit mit Büchern zur Unterhaltung – beides hat seine Berechtigung, und ist gleichwertig! Ein Verleger ist eben nicht nur ein Schöngeist, sondern auch ein Impresario, der das Programm ebenso im Auge behalten muss, wie die Finanzen.

Zum Auftakt des 12er Jahres ist im Kyrene Verlag „Peter Schlemihls wundersame Geschichte“ von Adelbert von Chamisso in einer bibliophilen Ausgabe er-schienen (Erstdruck 1814). In der Programmgestaltung finden sich seit Gründung des Verlags nicht zum ersten Mal Entdeckungen alter Dichter (Georg Trakl: Am Moor). Auch die bibliophile Reihe „Handpresse“ setzt einen deutlichen Kontra-punkt zum bildschirmlastigen Lesealltag. Ist dieser Anachronismus ein Luxus, den man sich heute leisten können muss? Zumal solche Projekte ja in der Herstellung sehr kostenintensiv sind.

MK: Bei allen diesen Publikationen habe ich bestimmt kein kaufmännisches Talent gezeigt. Aber wie schon zuvor erwähnt, sollte das Angebot eines Verla-ges sich an die ganze Leserschaft wenden. Und so sehr ich für die Unbedingt-heit von Unterhaltungsliteratur eintrete, stelle ich mich auch hinter literarische Projekte, die zwar keinen monetären, aber einen höheren ideellen Wert schaffen.

Früher war das Arbeitsjahr in den Kleinverlagen traditionell geprägt von einem Frühjahrs- und einem Herbstprogramm, zwei bis drei größeren Buchmessen, und den Stichworten „Urlaubslektüre“ und „Weihnachtsgeschäft“. Inwiefern haben sich diese Zyklen durch die Digitalisierung und die Marktbeschleunigung in den letzten Jahren verändert?

MK: Um das herauszufinden, ist mitunter diese Unterbrechung der Produktion gedacht. Ganz allgemein gesprochen ist der Markt im Unbruch, aber kei-ner kann wirklich eine verbindliche Prognose über die Zukunft machen. Das liegt auch daran, dass man ein Teil dieser Veränderung ist, und sie deswegen, wenn überhaupt, nur schleichend mitbekommt. Ich habe für mich entschie-den, den Markt für kurze Zeit von einer Außenseiterrolle zu beobachten, um solche Veränderungen besser einschätzen zu können, damit ich ab 2016 tat-sächlich auf „das Neue“ reagieren kann.

Wenn heute ein Buch in den ersten drei Monaten nach Erscheinen nicht bespro-chen oder sonst wie in den Medien wahrgenommen wurde, ist es am Markt eigent-lich gestorben. Würden sie sagen, dass diese Regel auch für eher kleinere Verlage mit einem ausgewählten Programm gilt?

MK: Es ist viel sogar viel schlimmer. Das Programm kleinerer Verlage wird kaum wahrgenommen. Darauf wird wiederum mit den oben genannten „Skandalbüchern“ reagiert, die im schlimmsten Fall sogar einen Trend auslö-sen, womit wieder über eine oder mehrere Saisonen hinweg nur eine ganz be-stimmte Art Bücher gekauft wird – alles auf Kosten der Vielfalt, auch der verlegerischen Möglichkeiten!

Können Sie sich vorstellen, dass zur jetzigen Beschleunigung wieder eine Ge-genbewegung eintreten wird, ähnlich wie sich das in der Musikbranche mit dem Reüssieren der Schallplatten als Kultgegenstand abzeichnet?

MK: Nicht wirklich. Wie ich das einschätze, sind diese so genannten Gegen-bewegungen auch nur Trends, die solange laufen, bis sie abgelaufen sind. Grundsätzlich sollte man sich auch nicht gegen die Zukunft und ihre Erneue-rungen sperren, ich glaube nur, dass wir bisher damit noch keine Umgangs-formen erlernt haben und, was viel schlimmer ist, noch gar nicht abschätzen können, was bei dieser Schnelligkeit alles verloren geht.

Früher ging man auf Lesungen. Wenn man Bücher heute ins öffentliche Interes-se bringen will, erzeugt man am Besten einen gezielten „Shit-Storm“ in den (a-)sozialen Medien – ein schnelles, fokussiertes Streiflicht, das die Verkäufe hochpusht, und ein Produkt für kurze Zeit in den Mittelpunkt des Interesses rückt. Ist der „Shit-Storm“ das literarische Quartett der Neuzeit geworden, würden Sie sagen, dass Lesungen als Medium zur Literaturvermittlung noch zeitgemäß sind?

MK: Schwer zu sagen, aber man kann bestimmt eine Entwicklung beobach-ten, in der Lesungen immer weniger Bedeutung haben. Diese, wohin noch vie-le Besucher kommen, kann man unter dem Titel „Gemma Autor schaugn“ zu-sammenfassen. Der Buchhandel hat in den vergangenen Jahren den Autor als Berühmtheit entdeckt, wodurch das Buch in die zweite Reihe getreten ist. Und ich kenne mehr Aussagen darüber, dass man zu einer Lesung geht, weil man gehört hat, der Autor/die Autorin wäre so nett, lustig oder attraktiv, als dass man sie besucht, weil man sich ganz allgemein und ernsthaft für das neue Buch interessiert.

Die Programmgestaltung im Kyrene Verlag ist stark an Hausautor/innen orientiert, zu denen oft eine starke persönliche Verbindung und eine gewisse Kontinui-tät in der Zusammenarbeit besteht. Man trifft sich im Kaffeehaus, telefoniert, dis-kutiert über Änderungen im Manuskript, gelegentlich streitet man auch heftig. Denken Sie, dass die Zeit dieser klassischen, persönlichen Autorenarbeit allmäh-lich vorbei ist?

MK: Das ist bestimmt ein Vorteil des kleinen Verlags, man arbeitet an ausgewählten Bücher mit Menschen, die wie man selbst an das Unternehmen glau-ben. Es ist ja eine mathematische Realität, dass mit der Größe eines Unter-nehmens auch die aufgebrachte Zeit pro Autor und Buch weniger wird, und damit auch der Umgang unpersönlicher. Diesbezüglich hoffe ich, dass „meine Art“ der Zusammenarbeit niemals enden wird, weil sie für mich entscheidend dafür ist, mein Verlegerdasein zu lieben.

Manche Verlage reagieren auf die veränderten Bedingungen, indem Sie ihre Arbeit in verwandte Bereiche ausdehnen (Kunst, Film und Hörbuch, Veranstaltun-gen, Software). Immer mehr Agenturen setzen auf eine Mischung aus klassischer Verlagsarbeit, Online-Dienstleistungen und Werbung. Kurz: Der moderne Kinder-buchautor will nicht nur sein Buch verlegt haben, es soll gleich auch noch für Schulklassen didaktisiert, als Brettspiel vermarktet und als App fürs Smartphone programmiert werden. Müssen die Verlage der Zukunft Alleskönner sein?

MK: Diese Entwicklung ist tatsächlich zu beobachten, ob sie aber auch gut ist, weiß ich nicht. Persönlich halte ich nicht viel davon, als Verleger muss ich mir darüber noch eine fundierte Meinung bilden.

„In unsern Tagen, da durch einfache Werkzeuge das schlechteste, wie das be-ste Werk mit wunderbarer Schnelligkeit vertausendfacht und in die Welt ausge-streut werden kann, erhält und verbreitet sich das Schlechtere länger und mehr als ehemals.“
Dieser Satz stammt nahezu unverändert aus der „Warnung vor den Gefahren der Lesesucht“ von 1821. Braucht es in Zeiten von Amazon und Self-Publishing den Verleger als Gate-Keeper? Was sagen Sie einem Autor, der erklärt: „Ich kann das heutzutage doch alles selber machen.“

MK: Wer das so sieht, soll’s machen. Letztlich glaube ich jedoch, dass die Zu-sammenarbeit zuwischen Verleger, Lektor und Autor durch nichts zu ersetzen ist. Allerdings verstehe ich auch, dass man als Autor veröffentlicht wer-den will und Absagen etc. satt hat.

„Literatur ist eine Kulturtechnik, die gerade zu Ende geht. Alles andere war wichtiger geworden.“. Das schreibt Marlene Streeruwitz in ihrer Satire auf den Literaturbetrieb „Nachkommen“.
Können Sie sich diesem Kulturpessimismus anschließen?

MK: Nein, kann ich nicht. Die Literaturvermittlung befindet sich zwar im Wandel und damit vielleicht auch in der Krise, aber nicht die Literatur per se. Diesen Kulturpessimismus halte ich überhaupt für die falsche Reaktion, und wenn er bei Autoren zutage tritt, muss ich Ihnen antworten: Dann kämpft dagegen an!

Die 2000er Jahre waren die Zeit der jungen mutigen Start-ups, die Gründung vieler kleiner Nischenverlage fällt in diese Zeit. Obwohl Kulturpessimisten seit Jahren den Untergang des Buches herannahen sehen, schießen in Städten wie Berlin unverdrossen kleine Verlage aus dem Boden. Einige gehen nach einiger Zeit ein, manche halten sich erstaunlich wacker in einer Nische. Würden Sie jungen Menschen heute noch raten, einen Verlag zu gründen? Oder konnte man das überhaupt jemals?

MK: Ich rate es niemanden, denn die Entscheidung zur (anfänglichen) Selbst-ausbeutung muss jeder für sich selbst und freiwillig treffen. Ich für meinen Teil habe es bis jetzt nicht bereut – nicht wirklich jedenfalls!

Zum Abschluss: Gibt es ein Buch, das Sie wider jede wirtschaftliche Vernunft gerne gemacht hätten?

Keines, das mir angeboten wurde.

Das Interview führte Livia Neutsch

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