Das alte „Rein-Raus-Spiel“

 Während die Mundwinkel der hereintretenden Dame und ihrer Folgeschaft immer noch beim Betreten des Warteraums am anderen – sehr westlich gelegenen Stadtteil – Ende tief hinab hängen und sich sogar mittlerweile nicht mehr anfeuchten lassen, durch dieselbe Verzogenheit und immer derselben Spucke, die nun schon ein Alter von mindestens fünfzig Jahren erreicht haben muss, warte ich in diesem bedenklich kleinem Raum auf den Anruf der in gelblich weiss gekleideten Bediensteten, mir ein Zeichen, eine Ahnung zu geben, meine Sorgen zu nehmen, um endlich diese Bürde abstoßen zu können. Was ist los mit mir? Was ist los da draußen – vor der Tür?

 

Die Wagen der anderen Bediensteten stellen sich wie einst in Kubricks Ideen, wohl genährt, in einer Reihe an, vor dem grünlich verglasten Gebäude nahe dem Hafen der Stadt, dort sinnend über andere zu schimpfen, den Busfahrer – vorallem – denn dieser hat ja „überhaupt keine Ahnung von irgend etwas, ich bin zu spät, zu spät, hörst du ! – und ich habe keine weitere Zeit mehr zu verlieren in dieser zeitlosen Zeit… – oder so…“ – dachte Rudi T., in seinem Passat Baujahr 91´, als er aus der Einfahrt ausfahren wollte, um sich seiner ganz eigenen Idee zu ergeben, für den heutigen Abend.

 

Ihre ganz eigene Idee hatte Inge auch. Und ihre Tochter, die man bis dato nur mit Frau Schlank kennt, denn ihren Ehemann nannte man an dem besagten Tag nur den Ehemann, hatte wiederum auch ihre ganz eigene Vorstellung von Warteraum-Gesprächen. Sie war es, die ihre Mundwinkel beinahe fallen ließ, als sie sich zu ihrem besten gab, besonders auf die Frage – „Haben sie auch alle ihre e-Card mit ?!“ – meinten nur sehr stürmisch alle drei zugleich greifend in ihre riesig großen Taschen – „Ja, die haben wir selbstverständlich mit, denn wir kommen ja von so weit… und haben uns auch gut vorbereitet auf diesen ernsten Besuch“ – „Es ist aber nicht der Erste!?“ erwiderte die in weiss Gekleidete nochmalig, während die Mutter endlich einen ernsteren Blick zu fassen vermochte, um sich dann irgendwie mitzuteilen. „Nein, vor ein paar Jahren hatten wir auch schon ein ähnliches Dilemma…“ – und das Wort Dilemma rollte ihr über die Lippen, als spräche sie es jeden Abend wie ihr Amen im Gebet. 

 

Später dieser Stunde lenkte das von der Tochter Gesagte mein Hören mehr auf kein Wort. "Ja, Frau Sowieso, jetzt sind wir gleich fertig… jetzt haben wir´s geschafft… Ja,-" erwiderte die jung gealterte ganz geschafft  – "jetzt haben wir es nun wirklich schon geschafft"…

 

Die anderen sehr zeitgenössischen Themen handelten nur noch von denen des Zeitausgleiches der Arbeit und der Einnahme verschiedener, vieler verschiedener Medikamente. Als ich wieder von der Toilette kam, waren sie noch nicht über die Nachmittags-Dosis hinüber. Traurig. "Ein Rütteln der Ordination" – im wahrsten Sinne, Dank hier an Novartis.

 

Damit man es weiß, erwähne ich es hier nun mal: man hat also am Freitag frei, wegen der vielen Überstunden, wohl klar, oder ? – und ich finde diese Information sehr essentiell. Genau diese beschreibt nämlich die Flucht vor der Wahrheit. Zu schwer scheint diesen drei Nachmittagsgestalten die Sonne zu scheinen, zu schwer die kalte Luft des Novembers zu sein, zu schwer die Last der Familie, zu ertragen auch zu schwer die Realität, so scheint es zumindest. Vielleicht ging es früher auch nicht, wirklich besser zu werden scheint es hier nicht mehr. Ich beäugle nun am Schauplatz unsres Stückes die nun neben mir Platznehmenden. Ein flüchten in "Frei-tagen", in ganz banale aber wichtige Gedanken, austauschend, wenig aussagend, einfach, ruhig, belächelnd, schön. Während andere draußen vor der Tür versuchen auszuparken, um sich nach Hause in ihre Welt zu flüchten, auch schön.

 

Die Menschen strömen dort, wie am Beginn des Tages hinein, nun aber wieder aus der Stadt hinaus zur Ruhe, weit weg der Welt, des Auffassbaren, der Probleme. Einfach ist´s Daheim, da kennt man sich ja gut aus. Die Streitigkeiten sind immer dieselben, schön, schon wieder. Die Macht der Gewohnheit!

 

Am nächsten Tag, morgen also, wer beobachten möchte, stelle sich nun ans Meeresufer, unseres Hafens, und beobachte das Meer von Gedanken, das Meer von ein und ausströmenden Menschen in ihren kleinen Wagen, Passats und Polos meist, ihren Sorgen und Hoffnungen, alles dazugehörende Bilder dieser Stadt,… Die Bürger auf dem Weg zur Arbeit oder einem Besuch beim Arzt …

 

 

Einen Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.