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Chatroom

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Magst du kommen und mit mir Wein trinken? Ich hätte einen da, einen Chardonnay, Spätlese oder so. Was weiß denn ich. Magst du ihn mit mir trinken? Und dazu ein paar Glückskekse essen, die wir vorher in die grüne Sauce unserer Liebe getunkt haben. Und kann ich zu dir sagen: Ich liebe dich?, ohne daß es bloß irgendwie klingt, irgendwie unwirklich klingt, oder so. Ja, darf ich das? Und fragst du dann hernach, was ich damit meine, wenn ich es sage, und ob ich denn nicht auch nur so ein Einsamkeitskrüppel wäre, der bis spät in die Nacht hinein so herumchattet, sich ausweint so zwischen halb eins und halb zwei, völlig anonym, oder der der regennassen Haut eines ihm völlig fremden Mädchens nicht widerstehen kann und sie mit heißen Küssen bedeckt, so einfach mitten auf der Straße, ohne viel Fragen und auf Antwort Warten.

Gut, sitzen wir beisammen und trinken den Chardonnay und essen die Glückskekse, und suchen in unseren Mythen oder lesen in den Memoiren der Sich-einmal-geliebt-Habenden nach dem großen Glück. Dem Endlosglück, dem Schnurlosglück, dem Lebensunterhaltungsglück. Und hören den Menschen zu, die immer weniger Sprache finden, die nur mehr in Kürzeln sprechen, in Kurztexten, in Smilies und traurigen Sonnen, und Äpfelchen und anderen Kuriositäten. Da hatten wir doch gerade noch die Bach’sche Matthäuspassion im Hinterkopf, da hoffen wir schon auf etwas Neues. Da sind wir doch nicht so und chatten uns von Highlife zu Highlife.

Da sagst du, das sei doch alles, na ja du weißt nicht so recht. Du  bist so … Du kennst dich nicht mehr aus, du hättest gern, du würdest gern. Aber ich hab dich doch neulich erst eingeladen, du weißt doch noch, und du bist nicht gekommen. Und es hätte mich sehr gefreut, wenn du gekommen wärst, bist aber nicht gekommen. Warum, weiß ich nicht. Hast ja auch meine E-Mail nicht beantwortet. Und jetzt regnet es schon wieder. So ist das doch immer in den Alpen. Wenn es einmal anfängt zu regnen, hört es nicht mehr auf. So sagt man doch, so ist es doch. Ich gebe Auskunft, immer wieder gebe ich Auskunft, im Internet muss ja immer über etwas Auskunft gegeben werden.

Jetzt jedenfalls ist wieder die Zeit. Die Sonne scheint schon wieder länger und ich fahre nach Lemgo, in Lemgo sind die Nächte lang, so sagt man doch, oder sagt man nicht? In Lemgo einen Kognak trinken, vielleicht auch deren zwei. Offen sein für alles. Aufgeregt sein. Auf besseres Wetter warten. Auf überhaupt etwas warten. Schauen was noch kommt. Was wird noch kommen? Ist nicht alles schon gekommen? Sind nicht alle schon (irgendwie) gekommen? Gekommen, einfach gekommen. Ist doch egal, ist nicht alles schon einmal da gewesen?

Was gibt es noch zu sagen? Der Regen, immer wieder der Regen. Wie geht es weiter? Geht es weiter? Man sollte immer wieder mal was zwischenspeichern, sagst du, obwohl das der PC ohnehin von alleine macht, aber trotzdem, besser einmal zu viel als zu wenig gespeichert, sagst du, und du hast sicher wieder einmal recht. Im Radio läuft gerade eine atemberaubende Musik, die einen total anturnt, so direkt zum Planen einlädt, irgendetwas planen, egal was.

Öffne das Fenster und halte den Kopf hinaus, während du, ziemlich unvermittelt, wie wär’s mit Selbstmord?, fragst und dir ein Butterbrot streichst. Ja, wende ich ein, sehr richtig, aber vergiß dabei den Point of no Return nicht. Wenn es gemacht ist, ist es gemacht. Und die Musik ist immer noch wahnsinnig toll und turnt mächtig an. Und du findest mich ein klein wenig schizo. Natürlich bin ich schizo, das weiß ich doch. Und überhaupt:

Komm, trinken wir jetzt den Chardonnay, und essen die Glückskekse dazu, sagst du. Es wäre doch alles so leicht, es wäre doch überhaupt nichts dabei, als daß man da so ein Riesengschissdigschasti machen müßte. Aber nein, du würdest doch gar nicht weinen, sagst du. Während ich dich zu trösten versuche, verhallen unsere Stimmen im Raum, werden zum Schweigen. Schweigen wir.

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Helmut Schiestl

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