Als (mir) das Wünschen noch geholfen hat

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Weihnachten ist das Fest der Wünsche, auch wenn diese nur in der Kinderzeit erfüllt worden sind, und selbst da nicht immer – je nachdem, wie lange eben die Wunschliste im Brief ans Christkind war und umgekehrt propositional dazu die Gehaltszettel der Eltern – so ist dessen ungeachtet wohl kein Fest in der christlichen Mythologie so geprägt bis in die profansten Spitzen des Alltäglichen hinein, wie eben gerade das Weihnachtsfest.

Diese Tage werden über Facebook, Twitter und sonstigen Medien Wünsche ausgedrückt, oft nur mehr formlosest, wo ich mich mittlerweile selbst immer wieder dabei ertappe, einfach Weihnachtwünsche wie etwa auf Facebook einfach mit Mausklick zu bestätigten. Klar, man hat ja nichts gegen Wünsche, jedem sollen sie sich erfüllen. Und ob es nur ein bloßer Mausklick oder ein feuchter Händedruck ist, begleitet von dem Wunsch nach eben einem frohen Fest, schönen erholsamen Tagen, Friede, Freude, Eierkuchen usw. und schon verschwindet das Gegenüber – virtuell oder lebend auf der Straße – ins Weitergehen, oder ins digitale Nirwana. Und selbst hat man sein Gewissen beruhigt. Vielleicht dass man noch einem Obdachlosen ein paar Cent oder auch ein paar Euro in seine Hand steckt oder in den bereitgehaltenen Hut und ihm dabei noch „Frohes Fest!“ wünscht oder frohe Heiterkeit.

Was aber steht hinter all dem? Was ist das Wünschen im eigentlichen Sinn? Und warum wünschen wir uns das gerade an diesen Tagen? In erster Linie ist Weihnachten natürlich das Fest, das uns mit mannigfaltigsten Kindheitserinnerungen eindeckt, damit behaftet ist und zum Teil wohl auch belastet. Und da hatte das Wünschen ja noch – zumindest manchmal, und wenn die Wünsche nicht in das Unermessliche gingen – geholfen und man bekam was man wollte. Ich zumindest konnte in meiner Kindheit zumindest eines der Geschenke, die ich mir gewünscht hatte, unter den Weihnachtsbaum vorfinden. Später dann, als ich größer geworden war, konnten mir meine Eltern meine Wünsche nicht mehr so leicht erfüllen und sie gaben mir Geld, damit ich sie mir selber erfüllen konnte. Auch das war in Ordnung. Heute dürfte es ja wohl oft so gehandhabt, unter Erwachsenen zumindest. Was aber darüber hinausgeht, also die an diesen Tagen geäußerten und erwiderten Wünsche nach Gesundheit etwa oder für ein erfolgreiches Leben, deren Erfüllung nicht in unserer Macht steht sondern eben nur eine Höflichkeit sind oder auch eine nette Aufmerksamkeit, sie bleiben daher in der Warteschleife für eine bessere – machbarere? – Welt und delegieren sie so an ein Hoffen, welches dann in letzter Konsequenz zu einem philosophisch-politischen Diskurs führen.

Wie würde oder müsste eine Welt beschaffen sein, in der das Wünschen eben noch helfen würde oder es am Ende gar nicht mehr nötig wäre, weil ohnehin jeder / jede das bekommt, was sie oder er sich wünscht? Nun, an diesen Diskursen baut die Menschheit ja schon seit mehreren Jahrhunderten, wenngleich auch erst im vergangenen 20. Jahrhundert – da dafür mit allen Konsequenzen – an eine systematische Lösungsmaschinerie gearbeitet wird. Wenn auch in den letzten Jahren die Idee der sozialen Gerechtigkeit – nicht zuletzt unter den verheerenden Auswirkungen des Neoliberalismus – in den politischen Debatten wieder mehr Aufmerksamkeit gezollt wird, so läuft nahezu parallel dazu ein weiterer, in seinen Folgen heute vielleicht noch gar nicht richtig abschätzbarer, Diskurs, nämlich der der  technologischen Wunscherfüllung. Sei es einmal im Bereich der Arbeitswelt, wo nach sozialwissenschaftlichen Untersuchungen allein in Österreich an die 44% aller derzeitigen Jobs von Robotern und Computerprogrammen übernommen werden – siehe dazu ein interessanter Artikel in der aktuellen Ausgabe des Standard, aber auch in der Medizin, wo es darum geht, unser Leben immer besser zu optimieren, durch Gentechnik und durch zunehmend unser Leben gestaltenden oder vielleicht auch einschränkenden prophylaktischen Maßnahmen wie etwa Antirauch, Ernährungs- und sonstiger Kampagnen, nicht zuletzt aber doch in einer Optimierung unseres Körpers selbst mittels Fortpflanzungstechnologien.  Beunruhigt uns Letzteres wenig oder gar nicht, so tut es das Erstgenannte wahrscheinlich doch, wenn wir daran denken, wie die durch den technischen Fortschritt arbeitslos gewordenen Menschen noch ein Aus- und Einkommen finden werden.

Wie wir sehen, das mit dem Wünschen ist eine höchst ambivalente Geschichte. Stellen wir uns etwa unser Leben hinter einem großen Vorhang vor, so wie es der englische Philosoph John Rawls in seiner berühmten Gerechtigkeitstheorie entwickelt hat. Ein Gedankenexperiment, das darin besteht, dass die Menschheit über eine zukünftige Gesellschaftsordnung befindet, die hinter einem „Schleier des „Nichtwissens“ verborgen ist, so dass sie also nicht wissen, welche soziale Rolle und Stufe sie in dieser Gesellschaft selbst einnehmen werden. In einer solchen Situation also, in der sie alle einander gleich sind, würden die Menschen also sich sozusagen „automatisch“ für eine gerechte Gesellschaftsordnung entscheiden. Zugegeben, ein sehr theoretisches Experiment, Genaueres darüber kann man unter den angegebenen Links nachlesen. Es erinnert ein wenig an die Tabula rasa Metapher von John Locke, wo die menschliche Seele bei der Geburt des Menschen völlig frei ist von Erfahrungen und (Vor)Urteilen, eben ein unbeschriebenes Blatt, das erst von Erlebnissen und Erkenntnissen beschrieben werden muss.

Nun, wie auch immer: die Geschichte des Wunsches oder der Wünsche ist so wohl eine unendliche. Und wenn ich zu zurück an mein kindliches Weihnachten denke, in der eben das Wünschen wirklich noch geholfen hat, so wie vielleicht bei uns allen, dann sind wir hier doch einen weiten Weg der Erkenntnis gegangen, der manchmal schmal und dornig war, abschüssig und auch nicht ungefährlich, ja vielleicht sind wir dabei sogar manchmal abgestürzt und haben uns wieder mühsam den Weg nach oben erkämpfen müssen oder sind einige Abkürzungen gegangen, die uns ins Nichts geführt haben. Der Wunsch blieb uns auf jeden Fall erhalten, der Wunsch als Sehnsucht, vielleicht unstillbar und zugleich hoffnungsfroh. In diesem Sinne schönes Wünschen!

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3 Antworten : “Als (mir) das Wünschen noch geholfen hat”

  1. Johann Alexander sagt:

    Ein sehr guter Essay. Meines Erachtens liegt beim Wünschen ein direkter Zusammenhang mit dem Willen vor. Wünsche sind in die Zukunft gerichtete Gedankenprojektionen. Man könnte auch sagen, es sind Quantenprophezeiungen. Wenn sie in Erfüllung gehen sollen, muss die Projektion von einem starken Geist gesendet oder empfangen werden. Das Wünschen kann also ein zweiseitiger Vorgang sein. Das ist jedenfalls meine Überzeugung.

  2. Helmut Schiestl sagt:

    Ja, davon hab ich auch schon mal gehört. Der Wunsch erfüllt sich, wenn man ganz stark an ihn glaubt. Und was wäre, wenn wirklich alle Wünsche in Erfüllung gehen würden, auch die negativen, vielleicht gar nicht in ihrer letzten Konsequenz bedachten? Der Film „Stalker“ https://de.wikipedia.org/wiki/Stalker_(Film) handelt ja auch davon.

  3. Ein Aufsatz, der inspiriert. Weißt du eigentlich, wo die Phrase „Als das Wünschen noch geholfen hat“ ursprünglich herkommt? Ich weiß, dass Handke von ihr so beeindruckt war, dass er sie für ein paar seiner Bücher verwendet hat, darunter auch „Wunschloses Unglück“, der Abschiedstext an seine Mutter, die offenbar an Depressionen gelitten hat.

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