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Jüdisches Leben in Innsbruck

 

 

 

 

 

 

„Und nun habe ich wieder das Gefühl, dass meine Koffer gepackt sind“

Kurz vor 19.00 Uhr gehe ich über die Wilhelm-Greil-Straße in Richtung Maximilianstraße. Je näher ich dem Casino komme, desto besser sehe ich eine kleine Menschenmenge, die sich auf dem Landhausplatz in Innsbruck, beim Mahnmal für die Holocaustopfer, versammelt hat. Zwei uniformierte Polizisten stehen beim Denkmal für die gefallenen Soldaten in den Weltkriegen. Sie überprüfen mich kurz mit einem Blick.

Ich mische mich unter die Leute und halte Ausschau nach bekannten Gesichtern. Unter den ca. 30 Leuten erkenne ich Herrn Lipschütz, den ich vor einigen Tagen in der israelitischen Kultusgemeinde kennenlernen durfte und der mich gleich willkommen heißt. Am heutigen Tag, dem 27. Jänner, gedenkt die jüdische Gemeinde ihrer Opfer des Holocaust. Doch nicht nur die jüdische Gemeinde ist anwesend: Bürgermeisterin Christine Opitz-Plörer ist sicherlich das prominenteste Gesicht unter den Anwesenden. Außerdem sind Vertreter der kurdischen Gemeinschaft gekommen. Auch einige Freunde der Gemeinde sind da, die einfach Solidarität zeigen wollen.

Wir müssen nicht lange warten, bis das Geschehen beginnt. Die Anwesenden scheinen auf keine größere Gruppe zu warten. Der Präsident der Gemeinde, Günter Lieder, tritt hervor und fängt seine Rede an. Er formuliert die Sätze kurz und bündig: „Wir gedenken zwar heute einem Geschehen, welches einige Jahrzehnte hinter uns liegt, doch zeigen uns die Ereignisse der letzten Wochen, dass die Geschichte präsenter nicht sein könnte.“ Herr Landbauer habe sich, trotz Protesten aus der Bevölkerung und der jüdischen Gemeinde, nicht davon abhalten lassen, am nächsten Tag bei der Landtagswahl in Niederösterreich anzutreten.

Udo Landbauer geht am 28. Jänner als Spitzenkandidat der niederösterreichischen FPÖ bei der Landtagswahl ins Rennen. Er ist Mitglied und stellvertretender Vorsitzender der Burschenschaft Germania zu Wiener Neustadt, welche nicht nur deutschnational ist, sondern auch Liederbücher in ihren Buden hatte, die den Holocaust verherrlichten. Nachdem dies in den letzten Wochen bekannt wurde, erwartete ein großer Teil der Öffentlichkeit seinen Rücktritt und eine Reaktion der mittlerweile auf Bundesebene regierenden Partei. Doch kaum etwas geschah. Die niederösterreichische FPÖ ging sogar in die Offensive: „Jetzt erst recht!“ hieß es auf ihrer Facebook-Seite. Vizekanzler Strache meinte, man könne dem jungen Mann (31) keine Verantwortung für etwas geben, dass veröffentlicht wurde, als er elf Jahre alt war (1997!). Die besonders prekären Texte in den Büchern seien außerdem geschwärzt gewesen und man habe eigentlich nichts vom Inhalt gewusst.

„Wir sind die siebte Million!“ beginnt die nächste Rednerin, Esther Fritsch, Ehrenpräsidentin der Kultusgemeinde, auf dem Landhausplatz ihre Rede. Sie spielt damit auf eine besonders abscheuliche Stelle im Liederbuch an, in der gesagt wird, dass man auch die siebte Million Juden umbringen wird. Was gerade in Österreich geschehe, sei eine Zumutung für die jüdische Gemeinde, so Frau Fritsch.

Immer wieder gehen Leute über den Platz, die sich kaum für die Veranstaltung zu interessieren scheinen. Eine Gruppe Italiener, die wohl die Kippas gesehen haben, wollen wissen, was die Juden da machen. („Che cosa fanno gli Ebrei?“) Sie bleiben kurz stehen. Gehen dann aber unbeeindruckt weiter. Einer der Anwesenden fragt Herrn Lipschütz, wo denn die Polizeibeamten seien. Während Frau Fritsch ihre Rede fortführt, zeigt Herr Lipschütz wortlos Richtung Denkmal für die gefallenen Soldaten.

Als die Rede fertig ist, wird ein kurzes Gebet auf hebräisch gesprochen. Das Ende des Gebets trifft unaufgefordert auf Stille und geht in eine Schweigeminute über. Frau Fritsch bedankt sich bei allen, die gekommen sind. Eine der Anwesenden geht zu den Polizeibeamten, sagt ihnen kurz etwas und sie verlassen den Platz.

Mit einigen Jugendlichen, die später dazu gestoßen sind, komme ich ins Gespräch. Sie sind vom Österreichischen Auslandsdienst und sind einer der wenigen Vereine, die eng mit der jüdischen Gemeinde zusammenarbeiten und auch deren Veranstaltungen besuchen. David Trojer, Mitarbeiter beim Auslandsdienst, sagt, dass der Dialog mit der Israeltischen Kultusgemeinde sehr interessant ist und dass er enttäuscht ist, dass so wenige Menschen über ihre Lebensrealität Bescheid wissen. „Die Veranstaltungen der Gemeinde werden aus Sicherheitsgründen kaum beworben. Auch die Renovierung des Gebäudes in der Sillgasse konnte nur unter strengen Sicherheitsmaßnahmen erfolgen.“

Die Israelitische Kultusgemeinde in Innsbruck veranstaltet Treffen und Abende für ihre Gemeinschaft, bei denen auch andere eingeladen sind. Leider wollen sie, aus Sicherheitsgründen, die Veranstaltungen nicht bewerben und auch der Einlass erfolgt erst durch eine Einladung vom Sekretariat. Ich durfte am 25. Jänner bei einer Theateraufführung dabei sein, bei der ich auch Herrn Lipschütz, Beauftragter für Öffentlichkeitsarbeit, kennengelernt habe. „Die Juden in Innsbruck leben in einer Realität, von der andere nur wenig wissen.“ Der Grund für die Sicherheitsmaßnahmen seien Drohungen gewesen, die bis zu Morddrohungen an die frühere Präsidentin der Gemeinde gegangen sind.

Herr Lipschütz trinkt ein Glas Wein und trägt seine Kippa. „Lange Zeit fiel es mir schwer, mich irgendwo wohl zu fühlen“, erzählt er. „Meine Familie und ich hatten ständig das Gefühl, dass unsere Koffer gepackt im Gang stehen. Dann hat sich das wieder gelegt, nach dem Sechs-Tage-Krieg (Anm. 1967). Und nun habe ich wieder das Gefühl, dass meine Koffer gepackt sind.“ Die Angriffe und Anfeindungen kommen von allen möglichen Seiten. Es gefiele der Kultusgemeinde zwar nicht, dass die Situation nun so ist, aber es sei wohl nötig.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrten nur wenige Juden nach Innsbruck zurück. Die Reichspogromnacht in Innsbruck war, im Verhältnis zur Einwohnerzahl und der Größe der jüdischen Gemeinde, eine der schlimmsten im gesamten Reich (Thomas Albrich [Hrsg.], Die Täter des Judenpogroms 1938 in Innsbruck, Innsbruck, Wien 2016.)

Als ich mich vom Herrn Lipschütz verabschiede, sagt er, er sei in den nächsten Wochen nicht erreichbar, da er in den Urlaub fahre. „Ich tauche ein bisschen unter!“ Wir lachen beide.

Die Menschengruppe verlässt den Platz. In der Stadt herrscht gewohntes Samstagsleben. Jugendliche gehen in Bars, die Restaurants füllen sich allmählich.

 

Ein Text von Haris Kovacevic

 

Gast

5 Comments

  1. Juden verlassen Europa. Das stimmt, aber warum? Der Antisemitismus war in den letzten Jahrzehnten kein Problem in Tirol. Außer von den „Linken“, die in Europa israelische Flaggen verbrennen und sich ganz klar für die Palästinenser und gegen Israel stellen, gab es keinen Judenhass. Warum hat sich das wohl in den letzten Jahren so dramatisch geändert? Wem wurde in den letzten 2 Jahren Tür und Tor geöffnet? Wer ist aus Syrien geflüchtet? Waren es die säkularen Syrer, die keine Verfolgung vom Assad Regime zu erwarten hatten, oder waren es fundamentale Moslems die dort eine Gottesstaat errichten wollten? Haben unser jüdischen Freunde angst vor Dänen, Holländern, Engländern usw. oder kommen die Antisemiten aus einem ganz anderen Teil der Welt? Wieviele Angriffe von Menschen auf Juden sind bekannt, die hier schon mehrere Generationen leben? Die Germania Geschichte muss lückenlos aufgedeckt werden, aber es darf auch nicht unter den orientalischen Teppich gekehrt werden, wer in Zukunft die größte Bedrohung für unsere jüdischen Mitbürger und deren kulturellen Einrichtungen darstellen wird. Wehret den Anfängen! Frankreich ist schon kein sicherer Staat mehr, denn dort sitzen jüdische Bürger nicht mehr nur auf ihren Koffern, sondern verlassen schon in Scharen das Land. Jetzt muss man sich fragen warum? Wegen den Rechten, oder gibt es da doch andere gefährliche Strömungen? Probleme kann man nur beheben, wenn man die Ursache erkennt und beim Namen nennt. Ich habe mir vor Jahren geschworen, dass ich gegen Faschismus und Antisemitismus in jeglicher Form kämpfen werde. Ob es RECHTE, LINKE, oder RELIGIÖSE ANTISEMITEN sind, spielt für mich dabei keine Rolle. Hoffentlich für euch auch nicht.

  2. Ja, Ingo: Einige Taxifahrer etwa aus Ländern ~ des Nahen Ostens erkären sich und manchen KundInnen die Welt leider mittels antiamerikanischer und antiisraelischer (in Europa zum Glück meist überholter) Polemik.
    – Wenn das Assad-Regime tatsächlich wenigstens säkulare SyrerInnen verschont, ist das wenigstens etwas Positives.
    – Aber: Manche EuropäerInnen machen Menschen aus dem ~ „Orient“, ob moslemisch oder säkular, zu „neuen Juden“, könnte man sagen, also zu neuen Sündenböcken für Missstände, für die schwer jemand etwas dafür kann. Das ist doch sicher auch nicht wünschenswert, und wir kommen halt nicht daran vorbei, dass alle Menschen sind, zumindest dann, wenn sie auch andere Menschen sein lassen.
    (Und „linkslinks“ wie „rechtsextrem“ sind wohl teils Modebezeichnungen, teils überholt. „Links“- oder „rechtspopulistisch“ [Früher sagte man treffender „demagogisch“ dazu] finde ich oft angemessener, und das ist inzwischen zunehmend häufiger die Wortwahl.)

  3. Die Annahme, dass es in Tirol keinen Antisemitismus vor 2015 gegeben hat, ist falsch. Drohanrufe und Drohbriefe bekommen jüdische Einrichtungen schon seit ihren Anfängen. Es hat nicht erst 2015 begonnen und es kommt nicht nur von arabischstämmigen Ausländern, wie Sie es (glaube ich) andeuten wollten.
    Antisemitismus ist in unserer Gesellschaft verbreiteter als wir glauben. Es ist meiner Meinung nach sehr gefährlich, eine Gruppe dafür verantwortlich zu machen und wieder zu sagen: „Wären die nicht gekommen, wäre alles super.“
    Der Antisemitismus ist möglicherweise kurze Zeit in den Untergrund geraten (daher ihre falsche Annahme, dass er nicht existiert habe) und er äußert sich auf vielen uns unbekannten Internetseiten, in denen von einer „Weltverschwörung“ die Rede ist und einem erklärt wird, dass die Banken die Welt regieren würden usw. usf.
    Wir verklären Antisemitismus auch als ein Problem der Juden, anstatt einmal zu verstehen, dass es ein gesellschaftliches Problem ist, das uns alle betrifft. Ich finde, dass das Gerede von der „Weltverschwörung“ durchaus ein antisemitischer Angriff ist. Das Lied in dem Liederbuch ist auch durchaus ein Angriff, nicht nur auf die Juden, sondern auf uns alle. Finden Sie nicht?
    Ich finde auch, dass Antisemitismus absolut inakzeptabel ist. Wer der Protagonist dabei ist, ist mir völlig wurscht. Unreflektierte Israelkritik sehe ich auch als einen solchen Angriff. Wir sollten aber aufpassen, wieder einer bestimmten (oder unbestimmten) Gruppe die Schuld in die Schuhe zu schieben, anstatt zu überlegen, wo genau das Problem ist.

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