Karl

Das Paar war ihm wieder eingefallen, dass sich immer zerstritt, wenn er bei ihm war. So dass er sich schon fragte, ob es vielleicht an ihm lag, dass es sich immer in seiner Gegenwart zerstritt. Bis es dann eines Tages nicht mehr zu sehen war, einfach auf und davon. Er rief ein paarmal an um zu sehen was los war, aber es war nichts los, es meldete sich einfach niemand bei der angegeben Nummer, die er von ihm besessen hatte. Das beunruhigte ihn, und er befürchtete schon Schlimmes. „Vielleicht haben sie sich abgemurkst“, ging es durch ihn. Es war alles ein bisschen crazy, ja es war wirklich crazy. Er stellte sich vor wie sich das Paar nach seinem letzten Streit, der sich wieder in seiner Gegenwart in einem Café zugetragen hatte, einfach zur Brücke des Flusses ging und hineinsprang, ohne großen Schmerz, fast in einem Gefühl der Erhabenheit über die Widrigkeit seiner nicht funktionierenden Beziehung, einfach beschlossen hatte, mit eben dieser seiner Beziehung und dann auch gleich mit dem Leben Schluss zu machen, weil keiner den Kummer des Überlebenden überlebt hätte. Die Trauer darüber oder zumindest das schlechte Gewissen davon hätte einem der überlebenden schlichtweg das Herz gebrochen.

Er war damals allein im Café zurückgeblieben, nachdem sich das Paar wieder einmal gestritten hatte und dann mit einem Mal auf und davon gerannt war, nachdem es sich wenige Minuten zuvor noch umarmt und geküsst hatte. Dann aber war es wieder losgegangen zwischen ihnen. Ein Wort hatte das andere gegeben, dann wollte noch kurz der eine und der andere von ihnen jeweils allein mit ihm, Karl, weiterreden, sich weiter mit ihm unterhalten. Karl war das alles ziemlich peinlich und unangenehm, schließlich hörten es ja auch die anderen Leute an den Nebentischen, und obwohl es ihm letztendlich nichts anging, so hatte er trotzdem das Gefühl, dass er da irgendwie mit drin hing. Also war es im fürs erste einmal gleich, wenn die beiden ihn schließlich verlassen hatten und ihm das Geld zur Bezahlung der Getränke einfach und ohne weitere Kommentare auf den Tisch gelegt hatten.

Karl wollte dann noch Jasmin, eine ihm bekannte Freundin anrufen, die er schon lange nicht mehr gesehen hatte und mit der er gerade jetzt gerne geredet hätte, über das soeben Vorgefallene oder auch über andere Dinge. Karl hatte Jasmin aber nicht erreicht, der Anrufbeantworter meldete nur ihre Nichtanwesenheit. Also musste er mit einem anderen Mann vorliebnehmen, der immer am späteren Abend in das Café kam und Karl, der ihn nur oberflächlich kannte, anredete, wahrscheinlich so, wie er vorher einen anderen, den er wahrscheinlich auch nur oberflächlich kannte, angeredet hatte. So dass bei Karl sich allmählich der Eindruck verdichtete, dass dieser Mensch überhaupt jeden nur oberflächlich kannte, weil er offenbar nicht willens war oder auch nicht fähig, mit einem Menschen ein wirkliches Gespräch zu beginnen, eines, bei dem man das Gefühl hatte, dass der Mann wirklich ihn, den Angesprochenen meinte und nicht auch jeden anderen, und nur er, weil er halt zufällig allein an einem Tisch saß, von ihm angesprochen wurde. Bei diesen Anreden ging es eigentlich nur um banale Dinge. Der Mann machte irgendeine Bemerkung, die, wenn man über sie nachdachte, nicht sehr durchdacht war, man hätte vielleicht auch sagen können: verrückt. Sprechen um des Sprechens willen, war Karl das immer vorgekommen.

Dabei war dieses Reden immer mit einem philosophischen Anspruch oder einem Anspruch der sogenannten Allgemeingültigkeit dahergekommen, so als hätte es wirklich eine gewichtige Aussage bedeutet, als wäre dieser Aussage wirklich ein großer Erkenntnisgewinn oder Erkenntnisgehalt abzugewinnen gewesen. Nichts davon aber stimmte, so man erst einmal über das soeben Gehörte nachzudenken begonnen hätte. Diese Aussagen des Mannes, mit dem er ein Gespräch begann, unterschieden sich von wirklichen philosophischen Aussagen wie Fischstäbchen von einem Fischgereicht in einem Luxusrestaurant. Einfach lächerlich. Aber Karl hatte jetzt keine andere Wahl mehr als einfach auf das Gesagte einzugehen, und wenn auch nur, um die Form der Höflichkeit zu wahren. Aber im Grunde genommen war es ihm ohnehin egal, weil sich für Karl jetzt, zu diesem Zeitpunkt, keine andere Alternative angeboten hatte.

Die Frau, die er hätte anrufen wollen, war ja nicht zu Hause, und dass das Paar wieder zurückgekommen wäre, wäre sehr unwahrscheinlich gewesen. Das hatte es schließlich noch nie gegeben. Wenn sich das Paar einmal zerstritten hatte, dann hatte es sich zerstritten. Dann war es – so schloss Karl zumindest – nach Hause gegangen, und wäre wohl in diesem seinem Zustand wohl kaum in der Lage gewesen, noch wo anders hinzugehen, in ein anderes Lokal, um dort weiterzustreiten. Denn dass es sich so schnell wieder versöhnt hätte, konnte Karl beim besten Willen nicht annehmen. Also blieb das Paar fern, also war das Ganze ein abgestürzter Abend, für den er sich natürlich auch irgendwie schuldig fühlte, obwohl er nicht daran schuld war. Der Mann aber erzählte jetzt allerhand Dinge aus seinem Leben.

Er sei früher Taxifahrer gewesen, sagte der Mann, nun aber würde er in einem Geschäft die Einkaufswägen zusammenstellen und wieder zurückbringen, die die Leute immer, wenn sie die Waren damit zu ihren Autos fahren, meistens irgendwo am Kundenparkplatz einfach stehenlassen würden. Er würde dafür zwar nicht viel Geld verdienen, aber es sei immerhin besser als gar nichts, sagte er. Hie und da, wenn das Geld nicht reichen würde, würde er kurzerhand zu seinen Eltern fahren und dort den Kühlschrank plündern. Dieses sähen seine Eltern zwar nicht so gern, aber sie hätten sich daran schon gewöhnt. Alles in allem war der Mann ein armer Mensch, wie Karl immer mehr feststellte, je länger er mit ihm redete. Er sei einfach dumm, sagte der Mann dann noch. Und Karl wunderte sich über so viel Offenheit und Selbsterkenntnis, die ihm letztlich den Mann doch noch klüger erscheinen ließ als er ursprünglich angenommen hatte. Immerhin musste er ja auch den Führerschein besitzen, wenn er einmal Taxi gefahren war, also war sein Benehmen vielleicht eher ein Spiel, um die Leute irgendwie zu hinters Licht zu führen als ein wirkliches Eingeständnis geistiger Minderbemitteltheit.

Er hätte immer das Gefühl, in dem Moment, wo er einen Satz gesagt hätte, einen Blödsinn gesagt zu haben, sagte der Mann zu Karl. Ja er hätte noch nie das Gefühl gehabt, einen gescheiten Satz gesagt zu haben, noch nie in seinem Leben immer nur blöde, völlig sinnlose Sätze. Und die Leute merkten das natürlich dann  auch sofort, und dann, wenn sie es merkten, merke natürlich auch er es, aber da sei es dann schon zu spät und der gesagte Satz ließe sich nicht mehr zurücknehmen oder rückgängig machen. Am besten wäre es natürlich, man würde den Mund halten, wenn man so ein Gefühl hat, aber das gelinge ihm nie. Immer wenn andere Leute redeten, hätte er das Gefühl, auch etwas sagen zu müssen, ja auch sagen zu können, und schon setze sich seine Sprechmaschine in Bewegung und erzeuge einen völlig sinnlosen unendlich dummen Satz, und in dem Moment, wo er ihm über die Lippen komme, wisse er schon, dass es ein sinnloser und unendlich dummer Satz sei, aber er ließe sich dann eben nicht mehr zurücknehmen, er müsse raus, einfach raus, das müsse er, Karl, doch wohl verstehen. Natürlich verstand Karl.

Und wie der Mann da vor ihm sich outete, irgendwie sein Innerstes preisgab, dachte Karl an Jasmin, die er vorhin anrufen wollte und nicht erreicht hatte, und wie er, so er sie erreicht hätte, und sie dann vielleicht gekommen wäre, mit ihr ein Gespräch begonnen hätte, ein Gespräch über das Paar vielleicht, das Jasmin nicht kannte, von dessen ständigen Streiterei er ihr aber jetzt gern erzählte hätte, ohne eigentlich zu wissen, zu was das gut gewesen wäre. Vielleicht nur, um selber wieder einmal besser dazustehen oder auch nur, um zu sehen, wie so ein Verhalten auf Jasmin, die die Leute ja nicht kannte, gewirkt haben würde, auch sein Verhalten dabei, über das er sich ja eben auch nicht ganz sicher war. Und dann hätten sie natürlich über etwas anderes geredet, über ihr, über ihn, über dies und das. Vielleicht hätten sie sogar … Vielleicht hätte er ihren Arm gestreichelt, mitten im Gespräch aus einer Heftigkeit heraus, hätte die Wärme ihrer Haut gespürt. Zuerst ihren Arm gestreichelt und dann ihre Wange, das hing dann natürlich schon von der Art ihres Gesprächs ab, es hätte ein anderes Gespräch sein müssen, wie ihm klar wurde. Dann hätte er sie vielleicht noch nach Hause begleitet und … Karl wollte das jetzt nicht zu Ende denken, dazu nahm ihn der Mann auch zu sehr in Anspruch, er musste dessen Selbstanklagen ja doch zuhören, und sollte ihnen ja auch etwas entgegenhalten, schließlich wusste er ja nicht, wie es um den Mann wirklich stand.

Früher hätte er immer die Vögel beobachtet, sagte der Mann zu Karl, ja eigentlich mache er das noch immer, aber nicht mehr so intensiv, „so monoton“ – er verwendete wirklich dieses Karl für diesen Sachverhalt irgendwie unpassend  scheinende Wort -, jetzt aber würde er diese Beobachtungen nur mehr an den Sonntagen, wenn er früh morgens durch die Parkanlagen gehe, oder manchmal auch in den Wald, dann schaue er den Amseln zu und den Meisen und den vielen Vögeln, schaue ihnen zu, wie sie ihre Nester bauen würden, ihre Jungen aufziehen, wie sie sich zur Balz anschickten, usw.  Früher sei er stundenlang durch den Wald gestreift und hätte geschaut, hätte sich schließlich alle Gesänge der Vögel einzuprägen versucht, so dass es ihm schließlich möglich gewesen sei, die  Gesänge sämtlicher heimischer Vogelarten zu imitieren. Karl glaubte ihm das, auch dass der Mann, als er noch jung gewesen sei, einmal eine längere Zeit – mehrere Monate seien es gewesen – in einer Turmstube verbracht zu haben, um dort die Turmfalken zu beobachten. Da hätte ihm dann ein Kollege das Essen hinaufgebracht, er hätte seinen Platz nie verlassen wollen, in der Angst, dann etwas sehr Wichtiges zu versäumen. Irgendwann sei er dann wieder vom Turm heruntergestiegen und hätte sich, nun total verdreckt, für mehrere Stunden in die Badewanne gelegt. Und am nächsten Tag wieder hinaufgegangen und das so mehrere Monate lang. Bis er dann alles über dieTurmfalken gewusst hätte. So der Mann weiter. Karl begann er schon zu nerven. Zuerst das Paar und dann dieser Mensch, dessen Namen er nicht einmal wusste, und der ihn auch gar nicht interessierte. Karl rief den Ober und wollte bezahlen. Er müsse noch wohin, sagte er zu dem Mann, er wollte ihn ja nicht beleidigen. Der Ober kam auch gleich und Karl zahlte, wünschte dem Mann noch einen schönen Abend und ging.

Vielleicht traf er irgendwo das Paar, hätte ja sein können, dachte Karl. Er ging quer durch die Stadt, konnte aber nirgends wen finden. So ging er schließlich nach Hause. Vielleicht sollte er ein Buch über die Liebe schreiben, dachte er. Aber was hätte er da schon Großes schreiben können, was nicht schon andere vor ihm geschrieben hatten.

Erstes und zweites Foto: Kunstinstallation von Gabriela Oberkofler im Tiroler Volkskunstmuseum

1 Antwort : “Karl”

  1. Karl – quasi ein neuer „Herr Karl“?

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